Eine seltene Frage
Wir leben in einer Zeit der Kommentare: ob bei Social Media, Google oder Youtube – wir haben zu allem eine Meinung und wir schreiben sie gerne in die Kommentarspalten der Plattformen. Manches davon ist wohlüberlegt, anderes eher nicht. Die eigene Meinung ist schnell gefunden und ein Kommentar ganz leicht getippt. Dabei übersehen wir oft, dass auf der anderen Seite der digitalen Anonymität ein Mensch ist, der unsere Worte liest und sich zu Herzen nimmt. So verlaufen auch immer öfter Gespräche. Denn was wir am Smartphone lernen, das übersetzen wir auch in unser analoges Sozialleben. Wir kommentieren, statt zu fragen und erzählen von uns, statt zuzuhören. Ein gemeinsames Gespräch wird dadurch zu einem gegenseitigen Monolog vor einem austauschbaren Publikum. Das ist eine verpasste Chance, denn von unseren Mitmenschen können wir viel lernen, uns austauschen und wahrnehmen. Es gehört zum Menschsein dazu, in einer Gemeinschaft zu leben. Das macht uns aus, für andere da zu sein und auch zu erfahren, dass andere für uns da sind. Vielleicht könnte man ein Gespräch so beginnen wie Jesus, der einen erblindeten Menschen trifft: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ (Mk 10,51) Eine seltene Frage.
Pastor Claus-Henning Linse, Kirchengemeinde Trappenkamp