Ev. - Luth. Kirchenkreis Plön-Segeberg

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"Die Rolle des Propsten musste ich natürlich erst lernen"

Das Interview zum Abschied von Propst Erich Faehling

Nach zwölf ereignisreichen Jahren geht Propst Erich Faehling Ende Oktober in den wohlverdienten Ruhestand. Am 18. September wird in der Preetzer Stadtkirche sein Verabschiedungsgottesdienst gefeiert. Im Interview mit Sebastian von Gehren blickt er zurück, erinnert sich an seine Anfänge im Amt und an besondere Herausforderungen, spricht über die Kirche und ihre Entwicklung und verrät, was er in seinem Ruhestand noch alles gerne machen würde.

Kirche PS: Wissen Sie noch, mit welchem Gedanken Sie vor gut zwölf Jahren zum ersten Mal als Propst Ihr Büro im Haus der Kirche betreten haben? Und wenn ja: Spielt dieser Gedanke heute noch eine Rolle?
Faehling: Ich weiß noch, dass ich am Anfang eine enorme Menge von Neuem kennenlernen und verstehen musste. Die Rolle des Propsten musste ich natürlich erst lernen. Das war oftmals ein ambivalentes Gefühl, inklusive der Sorge, Fehler zu machen. Inzwischen denke ich, dass ich zumindest in großen Teilen weiß, was und wie ich hier im Kirchenkreis zu arbeiten hatte.

Kirche PS: Was ist Ihnen aus den vergangenen zwölf Jahren besonders in Erinnerung geblieben?
Faehling: Ein Zeitraum, der mir immer noch sehr nachgeht, ist die Corona-Pandemie mit den leeren Kirchen zu Weihnachten und Ostern. Gerade auch mit dem Blick von heute, wenn man sich klarmacht, was wir damals komplett aus dem Stehgreif entschieden und umgesetzt haben. Immer in bester Absicht, aber manches Mal vielleicht auch falsch.
Das war eine Zeit, in der wir ohne Sicht durch eine Nebelwand gefahren sind. Ich erinnere mich an eine Zoom-Konferenz mit den Pastorinnen und Pastoren kurz vorm Heiligabend 2020. Die eine Hälfte sagte: „Jetzt erst recht Gottesdienste, wenn auch unter besonderen Bedingungen.“ Die andere Hälfte war der Meinung: „Unbedingt ausfallen lassen, weil wir so die Menschen am besten schützen.“
Und dann hieß es: „Entscheiden Sie jetzt mal als Propst.“ Das war für mich eine absolute Ausnahmesituation, weil es richtig und falsch gar nicht klar gab. Vielmehr ging es darum, mit Blick auf die gerade geltenden Corona-Regeln, zu entscheiden, was die einzelnen Menschen darin für sich verantworten und gestalten konnten.

Kirche PS: Und außer Corona?
Faehling: Da gab es noch einiges. Zum Beispiel den Propst-Wechsel von Daniel Havemann zu Michael Dübbers. Das war eine schwere Zeit. Ich habe mit beiden sehr gern und sehr gut zusammengearbeitet und schätze beide außerordentlich.
Ein Highlight für mich war außerdem immer die Zusammenarbeit in den Teams. Das gilt sowohl für das regelmäßig einmal pro Woche tagende Leitungsteam des Kirchenkreises als auch für die Menschen im Haus der Diakonie in Preetz, gerade auch unser Flur, wo wir sehr eng, vertrauensvoll und mit viel Humor zusammengearbeitet haben. Das ist einer der Gründe, warum ich unfassbar gern in diesem besonders schönen Haus gewesen bin. Das werde ich vermissen.
Und dann gibt es natürlich einige ganz besondere Aktionen, die ich nie vergessen werde.

"Kirche hat paradoxerweise durch kritische Faktoren mehr Freitheit zum Gestalten gewonnen"

Kirche PS: Zum Beispiel?
Faehling: Nur mal zwei von vielen: Zum einen der Weihnachtsfilm, den wir 2020 während der Corona-Zeit als Ersatzangebot für die ausgefallenen Weihnachtsgottesdienste gedreht haben und der mich bis heute anrührt, wenn ich ihn sehe.
Zum anderen der Osterflieger, der zweimal mit einer frohen Botschaft über unseren Kirchenkreis geflogen ist. Die Resonanz darauf war berührend groß. Es gab sogar von Menschen, die mit Kirche sonst kaum Berührungspunkte hatten, viele begeisterte Rückmeldungen, weil das etwas Positives in ihnen ausgelöst hat.
Für mich persönlich hat sich dabei sogar ein Kreis geschlossen. Mein Lieblingsbuch als Kind in der 1. Volksschulklasse war „Das kleine Flugzeug Wupp“ von Marianne Wulf. Darin ging es um einen alten roten Flieger. Damals wollte ich unbedingt so ein Flugzeug lenken. Dass unser Osterflugzeug dann genauso aussah wie das aus dem Buch, war eine witzige Linie quer durch mein ganzes Leben.

Kirche PS: Sind die Kirche und der Kirchenkreis noch so wie bei Ihrem Amtsantritt oder welche Veränderungen nehmen Sie wahr?
Faehling: Die Kirche hat sich in gewisser Hinsicht fundamental verändert und ist gleichzeitig erstaunlich wiedererkennbar geblieben. Die grundlegende Veränderung, die sich schon lange angebahnt hat, besteht darin, dass wir paradoxerweise durch eigentlich kritische Faktoren wie sinkende Mitgliederzahlen, weniger Finanzmittel oder Fachkräftemangel mehr Freiheit im Gestalten gewonnen haben.
Als ich angefangen habe, war beispielsweise noch eine zentrale Frage, wie wir als Kirche mit Trauungen oder Beerdigungen von Nichtmitgliedern umgehen. Das hat sich inzwischen, auch durch die äußeren Umstände, zum Glück deutlich liberalisiert.
Als ich Pastor wurde, aber auch noch in meinen ersten Jahren als Propst, war das Thema Kirchenmitgliedschaft viel stärker tabuisiert.

"Propst war für mich ganz lange kein Thema. Total fern und uninteressant"

Kirche PS: Das müssen Sie bitte erklären.
Faehling: Damals stand viel stärker der Gedanke im Vordergrund: Wir sind vor allem für unsere Mitglieder da. Und Ziel Nummer eins war es, Mitglieder zurückzugewinnen.
Das ist grundsätzlich okay. Aber ich glaube nicht, dass wir dadurch die Kirche retten. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass uns unsere bisherige Mitgliederdefinition manchmal einen Streich spielt. Früher waren gefühlt fast alle Mitglieder in der Kirche. Heute sind es nur noch gut ein Drittel der Menschen. Unter diesen Umständen müssen wir neu verstehen, wie Menschen sich unabhängig von der Kirchenmitgliedschaft als Christinnen und Christen verstehen. Ein offener Blick würde uns vielleicht zu deutlich mehr Menschen führen, die sich als Gemeinschaft im Raum der Kirche sehen.
Ich glaube, es ist entscheidend, zuzuhören und zu verstehen, welches innere Verhältnis die Menschen zu Glaube und Kirche haben. Wenn es uns das gelingt, gäbe es möglicherweise eine neue Augenhöhe der Begegnung, und vielleicht würde eine Resonanz entstehen, die der Kirche eine ganz andere Lebendigkeit geben könnte.
Kurz gesagt: Je besser Gott und Menschen auch durch unsere Arbeit in Beziehung kommen, desto eher werden wir als Kirche wieder an Relevanz gewinnen. Davon bin ich überzeugt. Aber so ehrlich muss man sein: Noch sind wir da nicht.

Kirche PS: Wenn man dem frischgebackenen Vikar Erich Faehling gesagt hätte: „Du wirst einmal Propst“, was hätten Sie gedacht?
Faehling: Vermutlich hätte der frischgebackene Vikar Erich Faehling nur mit den Schultern gezuckt. Das war für mich damals überhaupt kein Thema. Wirklich total fern und uninteressant.
Als Pastor habe ich darüber hinaus mit den ersten pröpstlichen Personen eher gehadert. Das hat sich erst richtig verändert, als Stefan Block Propst von Altholstein wurde. Er hat mir ein Leitungsbild vermittelt, bei dem ich dachte: „Okay, wenn man sein Wissen und seine Fähigkeiten an dieser Stelle in die Kirche einbringen kann, dann dient das der Gemeinschaft.“ Vorher habe ich das Amt immer eher als etwas Aufsichtliches und Regulierendes wahrgenommen. Stefan Block sagte zu mir: „Sie müssen daran denken, dass der Kirchenkreis den Gemeinden und dem Ganzen dienen will.“ Darin war er für mich glaubwürdig und Jahre später war es für mich nicht mehr ausgeschlossen, selbst einmal Propst zu werden – übrigens war entscheidend, dass die Stelle in der Propstei Plön ausgeschrieben wurde. Woanders hätte ich mich wohl nicht beworben.

Kirche PS: Und umgekehrt: Was würden Sie heute, unmittelbar vor dem Ruhestand, dem frischgebackenen Vikar Erich Faehling sagen?
Faehling: Wahrscheinlich das, was ich allen neuen Vikarinnen und Vikaren sagen würde: „Wir brauchen dich. Du bist wichtig. Trau dich etwas. Probiere dich aus. Es ist wichtig für die Kirche, dass du mit deinem Denken, Fühlen und Glauben da bist und mitgestaltest.“ Denn ich bin überzeugt, dass man das im Beruf der Pastorin oder des Pastors noch immer kann und auch soll: Kirche und Gesellschaft mitgestalten.

"Generell fühle ich aber vor allem sehr viel Freude und Dankbarkeit für alles, was möglich war"

Kirche PS: Gibt es eine Liste von Dingen, die Sie in diesem neuen Lebensabschnitt machen wollen? Und wenn ja: Welche Dinge stehen ganz oben?
Faehling: Ganz oben steht: Ich habe keinen festen Plan.
Und zwar, weil ich vor allem zunächst der neuen Realität ihren Platz einräume und erst einmal zu den anderen hin und auch in mich hineinhören möchte, wie die neue Zeit ist.
Darüber hinaus spüre ich eine Sehnsucht, die neue Freiheit zum Reisen zu nutzen. Belfast, London, Bari, Helgoland, Lappland und bestimmt noch mehr – all das reizt mich.
Und ein Freund hat kürzlich zu mir gesagt, dass ich noch gar nicht ahnen würde, wer jetzt alles um die Ecke kommen wird, und Lust hat, etwas mit mir zu unternehmen. Deshalb freue ich mich auch auf die Vorschläge, die unvermutet kommen werden und die mir Menschen oder das Leben machen.

Kirche PS: Zum Schluss: Welches Gefühl überwiegt gerade? Erleichterung? Respekt? Unsicherheit? Freude? Geben Sie uns zum Abschied einen kleinen Blick in ihr Inneres?
Faehling: Vielleicht mit einem Schlüsselgedanken aus dem Alten Testament. Dort ist das prägende Wortpaar für den Umgang der Propheten mit Gott: fascinosum et tremendum. Die Propheten waren einerseits begeistert, fasziniert, berührt und bis zu Tränen ergriffen von Gottes Wirken. Zugleich hatten sie Angst und ihnen schlotterten regelrecht die Knie in der Begegnung mit ihm. Das beschreibt meine Gefühlslage gerade recht gut – auch wenn es um viel weniger geht.
Generell fühle ich aber vor allem sehr viel Freude und Dankbarkeit für alles, was möglich war. Und gleichzeitig bewegt es mich zu sehen, dass diejenigen, die nach meinem Eintritt in den Ruhestand die Arbeit im Kirchenkreis und in den Kirchengemeinden fortführen, das mit so viel Elan, Energie, Freude und Kreativität tun.
Und ich freue mich darauf, diese gute Arbeit künftig von außen mitzuerleben.

Zur Person:

Bevor Erich Faehling 2014 das Propst-Amt antrat, hatte er 26 Jahre als Pastor in der Kirchengemeinde Bokhorst gewirkt und darüber hinaus seit 1996 im Ehrenamt 18 Jahre lang den jährlichen nordkirchenweiten Motorradgottesdienst (MOGO) geleitet.


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