Ev. - Luth. Kirchenkreis Plön-Segeberg

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Zeiten, die wir so nicht kannten

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.

Irgendwann einige Jahrhunderte vor Christus tönt dieser Ruf eines Propheten durchs Land „Freut euch mit Jerusalem!“
Der Sonntag heute hat im Kirchenjahr seinen Namen von diesem Ruf „Freut euch“, auf Latein „Laetare“. Man nennt ihn auch das kleine Osterfest.

Freut euch mit dieser Stadt. Das gibt es immer wieder mal, dass eine ganze Stadt sich freut, und das ganze Land, manchmal die ganze Welt freut sich mit.
9. November 1989, da hat sich das ganze Land und ein Großteil der Welt mit Berlin gefreut über das, was da geschehen war.
Am 7. Dezember 2013 hat sich ganz Japan mit seiner Hauptstadt Tokio gefreut, weil sie 2020 Austragungsort der olympischen Spiele werden sollte.
Und wenn Sie denken, das Beispiel war aber etwas unpassend gewählt, wo wir doch gar nicht wissen, was im Juli mit Olympia und Corona ist – dann warten Sie mal das nächste Beispiel ab:

Denn zu der Zeit, als dieser Ruf zu hören war, da ist die Stadt Jerusalem nicht viel mehr als ein Haufen Steine. Vor Jahren von den Feinden zerstört, verlassen, als Spielplatz für die Füchse zurückgeblieben. Und dann nach Jahrzehnten so wiedergefunden, nur noch kaputter.
Nichts mehr vom alten Glanz und den großen Plänen zu sehen. Und noch nichts von irgendwelchem neuem Glanz oder großer Zukunft.
„Freut euch mit Jerusalem!“ heißt in dem Moment: „Freut euch mit diesem Trümmerhaufen!“

Wer so etwas sagt, sieht mehr als das, was zu sehen ist.
Ungefähr 1946 lagen viele Städte in Deutschland auch noch in Trümmern, und es begann langsam der Wiederaufbau. Da schrieb der Dichter Wolfgang Borchert solche Worte über seine und meine Heimatstadt:
„Hamburg! Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Tapeten, Betten, Straßen, Brücken und Laternen... oh, das ist unendlich viel mehr. Das ist unser Wille zu sein. Nicht irgendwo und irgendwie zu sein, sondern nur hier zwischen Alsterbach und Elbestrom zu sein – und nur zu sein, wie wir sind, wir in Hamburg.“ (aus: Wolfgang Borchert, Die Hundeblume, Erzählungen aus unsern Tagen, in: ders. Das Gesamtwerk, Hamburg 1949, S. 72.)
Borchert war kein Prophet. Aber er hatte mit dem Propheten eins gemeinsam: die Liebe zu dem, was er da sah.
Die Liebe sieht immer mehr als das, was gerade zu sehen ist: Sie sieht im niedlichen, aber etwas verschrumpelten froschartigen Säugling das Leben weitergehen, das der Menschheit, der Familie und irgendwie auch das eigene. Sie sieht oft hoffentlich das Ergebnis der Liebe zweier Menschen. Sie sieht in dem verwirrten alten Menschen die Mutter, die einen getragen und getröstet hat, oder den Geliebten, mit dem man sich in leidenschaftlichen Nächten ewige Treue geschworen hat.
Sie sieht in den Menschen, die sorgsam jeden Kontakt vermeiden, eine Menschheit, die zusammenhält.

So sieht die Liebe Gottes in dem Steinhaufen, der Jerusalem war, den Ort, wo er versprochen hat, den Menschen zu begegnen, und sie sieht das, was er noch mit ihr vorhat. Und sie lässt rufen: „Freut euch mit ihr!“ Jetzt schon.
Die Stadt wurde wieder aufgebaut, bewohnt, erobert, zerstört, wieder aufgebaut. Einige Jahrhunderte, nachdem der Prophet diese Worte gerufen hat, wurde dort ein Mann gekreuzigt, nach römischer Sitte, so wie viele andere auch. Ein zerstörtes Leben und ein grausamer Tod.
Und bis heute sehen Menschen in diesem Gekreuzigten einen Beweis von Gottes Liebe. Sie sehen in ihm den Gott, der für uns und mit uns bis ganz nach unten geht, zu den Trümmern unseres Lebens, bis in den Tod, und sogar durch den Tod.

Sie sehen diesen Gekreuzigten und sehen schon das, was kam: Einen Gott, der unseren Tod starb und ihn besiegt hat und auferstanden ist. Und sie können gar nicht anders, als sich dabei schon zu freuen.
Seitdem ist klar, wer am Ende das letzte Wort hat: Nicht der Trümmerhaufen, nicht der Bankrott, nicht das Virus, nicht der Tod. Sondern der Gott, der aus Liebe zu Dir und zu Ihnen durch den Tod gegangen ist.

Ich weiß nicht, welche Trümmerhaufen es in Deinem oder Ihrem Leben gibt.
Nehmen Sie sich gern einen Moment Zeit, sie sich anzusehen. Aber versuchen Sie auch, auf sich und auf all diese Steine mit den Augen von Gottes Liebe zu blicken:
Er sieht den Menschen, den er geschaffen und genau so gewollt hat.
Er sieht den Menschen, den er mehr geliebt hat als sein eigenes Leben.
Er sieht den Menschen, dem er in der Taufe versprochen hat: Wir bleiben zusammen.
Er sieht den Menschen, mit dem seine Geschichte noch lange nicht vorbei ist. Trotz allem, was jetzt danach aussieht.
Er sieht das, und er freut sich. Trotz allem, was zu sehen ist. Und wegen allem, was seine Liebe jetzt schon sieht.
Er freut sich über Sie und über Dich.
Freuen wir uns mit ihm. Trotz allem.
Gott segne uns alle.

(Andreas Wendt, Pastor in der ev.-luth. Kirchengemeinde Bargfeld)

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